Wenn die Kruppe im Herbst endlich wieder glatt wird, die Mähne aber noch dünn und scheuerempfindlich bleibt, stellen viele Pferdebesitzer dieselbe Frage: Ist bei Sommerekzem eine Fütterung sinnvoll? Ja - sofern die Fütterung nicht als schnelle Lösung verstanden wird, sondern als Teil eines durchdachten Gesamtplans. Der Schutz vor Insekten, die tierärztliche Abklärung bei starken Hautveränderungen und eine passende Haltung bleiben die tragenden Säulen. Die Ration kann jedoch beeinflussen, wie gut Ihr Pferd mit seinem Grundfutter versorgt ist und ob unnötige Belastungen vermieden werden.
Gerade jetzt im Herbst ist ein guter Zeitpunkt, ruhig zurückzuschauen. Was hat Ihr Pferd im Sommer gefressen? Hat es Gewicht verloren, zugenommen oder blieb es stabil? Gab es Phasen mit weichem Kot, wenig Appetit oder auffälliger Unruhe? Solche Beobachtungen ersetzen keine Diagnose, sie helfen aber dabei, die Fütterung für die kommende Saison gezielt zu ordnen.
Sommerekzem und Fütterung: Was sie leisten kann
Sommerekzem ist eine Überempfindlichkeitsreaktion auf Stiche bestimmter Mückenarten. Futter kann diese Ursache nicht beseitigen. Wer Ihnen das verspricht, macht es sich zu einfach. Eine sinnvolle Ration unterstützt vielmehr die normalen Körperfunktionen, eine stabile Verdauung und die Versorgung von Haut, Fell und Hufen. Sie schafft damit eine Basis, auf der Ihr Pferd möglichst gut durch die Saison kommt.
Das beginnt nicht beim Ergänzungsfutter, sondern beim Raufutter. Pferde sind darauf ausgelegt, über viele Stunden strukturreiches Futter aufzunehmen. Lange Fresspausen, sehr wechselnde Heuchargen oder ein hoher Anteil stärke- und zuckerreicher Kraftfutter können den Verdauungstrakt unnötig fordern. Bei einem Pferd mit Sommerekzem lohnt es sich deshalb besonders, die gesamte Ration anzusehen, statt nur nach einem Mittel für die Haut zu suchen.
In meiner Beratung sehe ich häufig Rationen, die gut gemeint, aber unübersichtlich geworden sind: etwas für das Fell, etwas für die Abwehr, ein Kräutermix, dazu Mineralfutter und mehrere Leckerlis. Dann ist kaum noch nachvollziehbar, was das Pferd tatsächlich täglich bekommt. Weniger, aber gezielter, ist oft der bessere Weg.
Die Raufutterbasis zuerst prüfen
Die Menge und Qualität des Raufutters bestimmen den größten Teil der täglichen Nährstoffaufnahme. Als Orientierung brauchen die meisten erwachsenen Pferde mindestens 1,5 Kilogramm Trockensubstanz Raufutter je 100 Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Wie viel Heu das in Kilogramm bedeutet, hängt vom Trockensubstanzgehalt ab. Für ein 600-Kilogramm-Pferd ist das keine kleine Beigabe, sondern der Kern der Ration.
Achten Sie auf hygienisch einwandfreies, strukturreiches Heu. Staub, Schimmelgeruch oder deutlich wechselnde Qualität gehören abgeklärt. Eine Heuanalyse schafft Klarheit über Zucker, Eiweiß und Mineralstoffe. Das ist besonders wertvoll, wenn Ihr Pferd zusätzlich zu Sommerekzem zu Übergewicht, Insulinregulationsthemen oder einer empfindlichen Verdauung neigt. Dann lässt sich die Ration nicht nach allgemeiner Empfehlung, sondern nach den tatsächlichen Werten planen.
Auch die Fressorganisation zählt. Mehrere Portionen oder ein gut angepasstes engmaschiges Heunetz können lange Pausen vermeiden. Das Netz darf die Futteraufnahme aber nicht so stark erschweren, dass ein Pferd frustriert wird oder zu wenig frisst. Beobachten Sie deshalb nicht nur die Restmenge, sondern auch Ihr Pferd: Frisst es entspannt, hat es ausreichend Wasser und bleibt sein Gewicht passend?
Weidegang passend gestalten
Weide ist nicht grundsätzlich falsch für ein Pferd mit Sommerekzem. Entscheidend sind Standort, Jahreszeit, Grasangebot, Körpergewicht und individuelle Reaktion. Im Herbst kann Gras nach sonnigen Tagen und kühlen Nächten weiterhin relevante Zuckermengen enthalten. Bei leichtfuttrigen Pferden oder bekannten Stoffwechselthemen ist ein kontrollierter Weidegang häufig sinnvoller als unbegrenzter Zugang.
Für das Sommerekzem selbst ist die Insektenbelastung meist der entscheidende Punkt. Viele Pferde profitieren im Sommer von Weidezeiten außerhalb der Hauptflugzeiten, einem geeigneten Ekzemerschutz und möglichst mückenarmen Flächen. Das sind Haltungsmaßnahmen, keine Fütterungsmaßnahmen - und gerade deshalb sollten sie im Plan nicht fehlen.
Eiweiß, Fett und Mineralstoffe richtig einordnen
Eiweiß wird bei Hautproblemen oft vorschnell verdächtigt. Ein bedarfsgerechter Eiweißgehalt ist jedoch notwendig, damit der Körper eigenes Gewebe erhalten und erneuern kann. Problematisch ist nicht automatisch Eiweiß, sondern eine Ration, die insgesamt nicht zum Pferd passt. Hochwertiges Heu kann bei vielen Pferden einen großen Teil des Bedarfs decken. Bei älteren Pferden, Pferden in Arbeit, Zuchtstuten oder Tieren mit geringem Raufuttereiweiß kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein. Grundlage sollte immer die Analyse oder eine fundierte Rationsberechnung sein.
Fett kann eine praktische Energiequelle sein, wenn ein Pferd Gewicht halten soll und stärkehaltiges Kraftfutter nicht gut in die Ration passt. Pflanzliche Öle liefern Energie, sind aber kein Muss für jedes Pferd. Wer Öl füttert, sollte die Menge langsam steigern und die Gesamtration mitdenken. Mehr Fett erhöht unter anderem den Bedarf an bestimmten antioxidativen Nährstoffen. Ein Schuss Öl über das Futter ist daher keine vollständige Strategie.
Bei Mineralstoffen ist Genauigkeit wichtiger als große Mengen. Zink, Kupfer, Selen und Vitamin E haben Funktionen im normalen Stoffwechsel und in der Erhaltung von Haut und Gewebe. Ob eine Ergänzung nötig ist, entscheidet sich aber nicht anhand des Etiketts eines Produkts, sondern anhand von Heuanalyse, Grundration, Pferdetyp und Fütterungsmenge. Besonders bei Selen gilt: Viel hilft nicht viel. Eine Überversorgung kann schaden.
Mein Ansatz aus The New Feeding Concept, auf Englisch erhältlich, lautet deshalb: Erst den Raufutterbedarf decken, dann die Ration berechnen und erst danach echte Lücken ergänzen. Diese Reihenfolge macht die richtige Fütterung wieder klar. Sie schützt auch davor, sich von jeder neuen Empfehlung für Haut und Fell verunsichern zu lassen.
Was Sie jetzt im Herbst konkret prüfen können
Nehmen Sie sich einen Fütterungstag vor und schreiben Sie wirklich alles auf: Heu, Weidezeit, Kraftfutter, Mineralfutter, Mash, Kräuter, Öl, Leckerlis und Medikamente. Notieren Sie Mengen möglichst in Kilogramm oder Messbechern mit bekanntem Gewicht. Erst diese Bestandsaufnahme zeigt, ob Nährstoffe doppelt gefüttert werden oder ob die Basis lückenhaft bleibt.
Schauen Sie außerdem auf Körpergewicht und Körperzustand. Ein Pferd, das sich den Sommer über stark gescheuert hat, kann trotz rundem Bauch Muskulatur verloren haben. Umgekehrt sollte ein leichtfuttriges Pferd nicht aus Sorge um Haut und Fell mit energiereichen Extras versorgt werden. Das Ziel ist weder möglichst viel Futter noch eine besonders strenge Ration, sondern eine Versorgung, die zu Alter, Arbeit, Haltung und Stoffwechsel Ihres Pferdes passt.
Bei einer Stute, die ich begleitet habe, bestand die Sommerfütterung aus gutem Heu, Weidegang, zwei Mineralprodukten und verschiedenen Kräutern. Die Besitzerin hatte mit jedem Zusatz etwas Sinnvolles erreichen wollen. Nach der Rationsanalyse vereinfachten wir die Fütterung: Die Heumenge wurde verlässlicher organisiert, die doppelte Mineralversorgung beendet und die Weidezeiten an die Insektenaktivität angepasst. Das Sommerekzem war damit nicht „weggefüttert“. Aber die Ration wurde nachvollziehbar, die Stute hielt ihr Gewicht besser, und die Besitzerin konnte ihre Maßnahmen viel klarer beurteilen.
Wann tierärztlicher Rat nötig ist
Offene, nässende oder deutlich entzündete Hautstellen, starke Schmerzen, ausgeprägter Juckreiz, Gewichtsverlust oder eine deutliche Veränderung von Kot und Fressverhalten gehören tierärztlich abgeklärt. Gleiches gilt, wenn Ihr Pferd trotz sorgfältigem Insektenschutz plötzlich wesentlich stärkere Beschwerden zeigt. Fütterung kann die tierärztliche Diagnose und Behandlung nicht ersetzen.
Für die nächste Saison müssen Sie nicht auf den ersten warmen Abend warten. Beginnen Sie jetzt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme von Raufutter, Gewicht, Weidemanagement und allen Zusätzen. Wenn Sie dabei Unterstützung möchten, ist der nächste sinnvolle Schritt eine persönliche Fütterungsberatung. So entwickeln Sie eine Ration, die zu Ihrem Pferd passt - ruhig, nachvollziehbar und mit dem Raufutter im Mittelpunkt.