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Raufutter oder Kraftfutter fürs Pferd richtig wählen

Raufutter oder Kraftfutter fürs Pferd richtig wählen

Ein Pferd, das seine Heuration in kurzer Zeit aufgefressen hat und viele Stunden ohne Fressmöglichkeit steht, braucht nicht zuerst mehr Energie aus dem Trog. Es braucht Fresszeit. Bei der Frage Raufutter oder Kraftfutter fürs Pferd geht es deshalb nicht um ein Entweder-oder, sondern um die richtige Reihenfolge: Erst die natürliche Basis sichern, dann gezielt ergänzen.

Pferde sind dafür gemacht, über viele Stunden kleine Mengen faserreicher Pflanzen aufzunehmen. Kauen, Speichel bilden und die mikrobielle Verdauung im Dickdarm gehören untrennbar zusammen. Eine Ration, die dieses Grundprinzip respektiert, unterstützt nicht nur eine ruhige Futteraufnahme, sondern auch Verdauung, Stoffwechsel und Wohlbefinden.

Raufutter oder Kraftfutter fürs Pferd: Was hat Vorrang?

Die klare Antwort lautet: Raufutter hat Vorrang. Heu, Gras, Heulage oder Stroh liefern strukturwirksame Rohfaser und halten das Pferd länger mit Fressen beschäftigt. Dabei ist nicht nur die gefütterte Menge entscheidend, sondern auch die Qualität, Hygiene, Nährstoffdichte und tatsächliche Fressdauer.

Als fachliche Untergrenze werden häufig etwa 1,5 Kilogramm Raufutter-Trockenmasse je 100 Kilogramm Körpergewicht und Tag angesetzt. Für ein 600-Kilogramm-Pferd entspricht das ungefähr 9 Kilogramm Trockenmasse. Bei Heu mit rund 85 bis 90 Prozent Trockenmasse sind das etwas mehr als 10 Kilogramm Heu pro Tag. Viele Pferde profitieren - abhängig von Gewicht, Haltung und Gesundheitsstatus - von einer höheren Menge.

Diese Zahl ist ein Startpunkt, keine Pauschalration. Ein leichtfuttriges Pferd, ein Pferd mit Insulindysregulation oder ein Tier mit besonderer Stoffwechselbelastung braucht eine besonders sorgfältige Auswahl des Raufutters. Hier können eine Heuanalyse, angepasste Fresszeiten und die tierärztliche Begleitung entscheidend sein. Die Lösung ist aber selten, die Raufutterversorgung grundsätzlich zu kürzen. Vielmehr geht es darum, Energiegehalt und Fressmanagement sinnvoll zu steuern.

Warum Raufutter mehr ist als ein Sattmacher

Beim Kauen entsteht Speichel, der zur Pufferung der Magensäure beiträgt. Gleichzeitig versorgen die Fasern die Mikroorganismen im Dickdarm. Diese Darmflora verarbeitet einen großen Teil der pflanzlichen Struktur und ist empfindlich gegenüber abrupten Futterwechseln, langen Fresspausen und sehr großen stärkereichen Mahlzeiten.

Wer wiederkehrenden weichen Kot, Unruhe beim Fressen, Gewichtsveränderungen oder eine auffällige Empfindlichkeit im Bauchbereich beobachtet, sollte die Grundration kritisch prüfen lassen. Gerade bei Pferden mit Neigung zu Koliken, Magengeschwüren oder Problemen der Hinterdarmgesundheit ist die Qualität des Fütterungsmanagements ein zentraler Baustein. Eine gezielte tierärztliche Abklärung ersetzt das nicht - sie ergänzt es.

Auch die Beschäftigung zählt. Engmaschige Netze, mehrere Fressplätze und ausreichend Heu über die Nacht können helfen, die Aufnahme zu strecken. Sie sind jedoch kein Freifahrtschein für zu kleine Mengen oder staubiges, verschimmeltes Heu. Raufutter muss hygienisch einwandfrei sein und zum einzelnen Pferd passen.

Wann Kraftfutter für Pferde sinnvoll sein kann

Kraftfutter ist nicht grundsätzlich falsch. Es kann sinnvoll sein, wenn der Energie- oder Nährstoffbedarf durch passendes Raufutter allein nicht zuverlässig gedeckt wird. Das betrifft beispielsweise Sportpferde mit hoher Arbeitsleistung, Pferde im Aufbau, säugende Stuten oder Pferde, die trotz guter Raufutterversorgung an Gewicht verlieren.

Entscheidend ist der Anlass. Kraftfutter sollte keine Routine sein, weil das Pferd täglich gearbeitet wird oder weil der Trog sonst leer aussieht. Ein gemütlicher Ausritt, leichte Bodenarbeit oder eine kurze Trainingseinheit erhöhen den Energiebedarf oft weniger, als viele Halter vermuten. Ein Pferd, das mit Heu, Weidegang und einer bedarfsgerechten Mineralversorgung sein Gewicht hält und leistungsbereit bleibt, benötigt nicht automatisch zusätzliches Getreide.

Wenn mehr Energie notwendig ist, zählt die Zusammensetzung. Stärke- und zuckerreiche Rationen können bei großen Einzelmengen den Verdauungstrakt unnötig fordern. Bei Pferden mit Hufrehe in der Vorgeschichte, PPID, Insulindysregulation oder Muskelstoffwechselproblemen ist eine besonders individuelle Rationsplanung angezeigt. Auch bei Nervosität, wiederkehrenden Verspannungen oder eingeschränkter Regeneration nach Belastung lohnt sich ein genauer Blick auf Gesamtfutter, Fresspausen und Trainingspensum statt auf schnelle Lösungen im Trog.

Kraftfutter wird am besten in kleinen, nachvollziehbaren Mengen eingesetzt und auf mehrere Mahlzeiten verteilt. Jede Umstellung braucht Zeit. Der Verdauungstrakt passt sich nicht über Nacht an neue Futtermittel an.

Der häufige Denkfehler: Energie und Nährstoffe verwechseln

Ein Pferd kann mit Heu energetisch gut versorgt sein und trotzdem nicht alle Mineralstoffe, Spurenelemente oder Vitamine in passender Menge erhalten. Umgekehrt kann ein energiereiches Müsli Kalorien liefern, ohne eine präzise Versorgung sicherzustellen. Deshalb sollte zwischen Energie-, Mineral- und Ergänzungsfutter klar unterschieden werden.

Ein hochwertiges Mineralfutter oder ein gezielt zusammengesetzter Balancer kann bei geringer Arbeitsleistung die passendere Ergänzung sein als eine große Portion Kraftfutter. Das gilt besonders für leichtfuttrige Pferde. Ergänzungsfutter kann außerdem in bestimmten Lebensphasen oder bei konkreten ernährungsphysiologischen Anforderungen helfen - es ersetzt jedoch weder gutes Heu noch eine durchdachte Grundration.

Genau an diesem Punkt setzt die Fütterungsphilosophie von Equilin an: natürliche Raufutterbedürfnisse stehen im Mittelpunkt, während Ergänzungen gezielt und nachvollziehbar eingesetzt werden. Das macht die tägliche Ration nicht komplizierter, sondern klarer.

Die Ration richtig beurteilen: erst messen, dann verändern

Der Blick in den Trog reicht nicht aus. Eine verlässliche Einschätzung beginnt mit dem Pferd selbst: Körpergewicht, Körperkondition, Bemuskelung, Fell, Kotbild, Leistungsbereitschaft und Trinkverhalten liefern wertvolle Hinweise. Dazu kommen die Haltung, der Weidegang, die Arbeitsintensität und die Qualität jeder einzelnen Futterkomponente.

Diese fünf Fragen schaffen eine gute Grundlage für Entscheidungen:

  • Wie viel Raufutter nimmt das Pferd tatsächlich innerhalb von 24 Stunden auf?
  • Wie lange sind die Fresspausen, besonders nachts und während der Stallzeiten?
  • Ist das Heu hygienisch einwandfrei und wurde sein Nährstoffgehalt analysiert?
  • Hält das Pferd mit der aktuellen Ration sein passendes Gewicht und seine Muskulatur?
  • Welche Nährstoffe fehlen wirklich, bevor Energie über Kraftfutter ergänzt wird?
Eine Heuanalyse kann überraschende Unterschiede sichtbar machen. Manche Chargen liefern deutlich mehr Zucker oder Energie als erwartet, andere sind sehr eiweißarm oder mineralstoffarm. Ohne diese Daten wird Kraftfutter leicht zum Ausgleich für ein Problem, das eigentlich im Raufutter liegt.

Bei Pferden mit Husten, wiederkehrenden Hautproblemen, Durchfall, Gewichtsverlust, auffälligem Durst oder deutlichen Verhaltensänderungen gehört eine tierärztliche Einschätzung dazu. Fütterung kann die Gesundheit wirksam unterstützen, sollte aber keine Diagnose ersetzen. Das gilt ebenso bei Verdacht auf Dehydration, chronische Schmerzen, Arthritis oder Sehnenverletzungen.

Praktische Reihenfolge für eine pferdegerechte Fütterung

Stellen Sie zuerst eine ausreichende, hygienische und möglichst fresspausenarme Raufutterversorgung sicher. Prüfen Sie danach Gewicht, Leistung und Körperkondition. Erst im nächsten Schritt entscheiden Sie, ob Energie, Mineralstoffe oder ein spezifischer Nährstoff ergänzt werden müssen.

Diese Reihenfolge schützt vor zwei typischen Fehlern: zu viel Kraftfutter bei eigentlich ausreichender Energieversorgung und zu wenig Raufutter, weil die Kalorienmenge bereits über den Trog gedeckt wird. Pferde brauchen jedoch nicht nur Kalorien. Sie brauchen Struktur, Kautätigkeit und eine Fütterung, die ihrem Verdauungssystem Zeit gibt.

Die beste Ration wirkt selten spektakulär. Sie zeigt sich darin, dass das Pferd über den Tag verteilt fressen kann, sein Gewicht stabil hält, belastbar bleibt und mit ruhiger Verdauung durch seinen Alltag geht. Wer von dort aus plant, trifft bei Raufutter und Kraftfutter Entscheidungen, die dem Pferd langfristig wirklich dienen.

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